Der letzte Henker

«Es erfährt doch niemand, dass ich mich beworben habe, oder…?»

Starkes Stück Das Ensembleprojekt «Der letzte Henker – Eine Auswahl» feierte im Theater Tuchlaube in Aarau eine begeisternde Premiere

 CHRISTIAN BREITSCHMID

Fünf Männer betreten nacheinander die Bühne. Jeder sagt, wieviel er für den Job haben muss und warum, und sucht sich mit seinem Stuhl einen Platz. Wohl stellvertretend für die 125 Bewerber, die 1938 die Guillotine im Fall Irniger bedienen wollten, erhebt sich im Hintergrund ein ganzer Berg von gleichen Stühlen. Sie werden zugedeckt von einer schneeweissen Plane, deren aufgerolltes Ende quasi die Trennlinie bildet zwischen dem Warteraum mit den Henkersanwärtern und dem Zimmer, in welchem diese gemustert werden.

 Ein faszinierend einfaches Bühnenbild hat Wolf Gutjahr gestaltet. Es verbindet optisch die Figuren aus dem Jahre 38 mit den unveränderten Realitäten im Jahr 98. Und genauso, wie sich damals die Grenzen zwischen Humanismus und Barbarei verwischten, genau- so, wie damals Intellekt und Gefühlswahn durcheinandergerieten, genauso reibungslos verweben Dramaturg Peter- Jakob Kelting und Regisseur Elias Perrig die Protokolle von damals mit dem Theater von heute.

 Das Bühnenbild kennt nur Schwarz und Weiss und etwas Braun. Szenenwechsel werden durch veränderte Lichtintensität angezeigt. Dass man trotzdem während 100 Minuten höchste Emotionalität in allen Facetten erlebt, das verdankt man dem durchwegs überzeugenden Spiel von Hans Rudolf Twerenbold, Ernst C. Sigrist, Martin Hug, Sebastian Krähenbühl und Burkart Ellinghaus. Der Psychiater Boris Pritzker hatte bis Juli 1938 114 Henkerkandidaten besucht. Die Protokolle dieser Gespräche hat die Frau seines zweiten Sohnes, Marthi Pritzker-Ehrlich, in ihrem Buch «Schweizer Scharfrichterkandidaten 1938/39» aufgearbeitet. Basierend auf diesem und anderen Texten rund um die Themen Todesstrafe, Gewalt und Guillotine, entstand das Buch zu «Der letzte Henker – Eine Auswahl», dem die fünf Akteure in derart packender Weise Leben einhauchen. Aus all den

Bewerbungsschreiben und Eignungsgesprächen haben sie zusammen mit Kelting und Perrig fünf Prototypen von helvetischen Henkern herausgearbeitet, wie sie sich bestimmt auch heute noch jederzeit finden liessen, wenn es darum ginge, der Gerechtigkeit blutig Genüge zu tun – «einer muss es ja machen …

Mit Misstrauen mustern sie sich im Warteraum

Mit Misstrauen mustern sie sich im Warteraum gegenseitig. Die ersten verbalen Annäherungsversuche arten schon bald in Streit aus, denn jeder weiss besser, was der Irniger wann getan hat und warum man ihm dafür den Kopf abschlagen muss. Einer nach dem anderen wird vor das Untersuchungskomitee gerufen und befragt. Beweggründe werden hinterfragt, psychische Abgründe

offengelegt. Dazu dient in erster Linie der messerscharf geführte Text. Rückblenden zeigen die Kandidaten in den Tiefen ihrer eigenen Geschichte. Da die Schauspieler nicht nur hervorragende Mimen, sondern mindestens ebenso begabte Sänger sind, sorgt der fünfköpfige Männerchor immer wieder für ironisch-pathetische Überzeichnung oder untermalt, von Biber Gullatz musikethnologisch profund gesetzt, den tiefen Eindruck, den diese real-theatralischen Gesichte in der Zuschauerseele hinterlassen.

Es geht in dieser Co-Produktion der Theater An der Winkelwiese (Zürich), Tuchlaube (Aarau) und Schlachthaus (Bern) mitnichten darum anzuprangern, im Gegenteil. So verwerflich es einem Grossteil des Publikums auch vorkommen mag, sich als Scharfrichter zu bewerben, so bekannt, ja sogar tief vertraut sind ihm die Charaktere auf der Bühne: Endlich eine Rolle spielen im Leben, etwas tun, was sonst keiner tut, den harten Kerl markieren, Staatstreue und Pflichterfüllung beweisen, die eigenen Interessen verleugnen, die eigene, verdammte Geschichte zusammen mit dem Kopf des Sündenbocks in den Korb fallen lassen und die Angst vor moralischer Verfolgung fast verdrängen – «Es erfährt doch niemand, dass ich mich beworben habe, oder …? Ich will nicht, dass ich hier war!» Ein ganz starkes Stück Theater. Jubiläumswürdiger als so manches in diesem Jahr

Wiederholungen in Aarau: 30.9., 20.15 Uhr, 2. 10., 21 Uhr; 3., 7., 10. 10., je 20.15 Uhr; 9, 10., 21 Uhr. Danach Aufführungen in Bern, Zürich, Basel und St. Gallen.

Artikel erschienen in der Aargauer Zeitung am 28. September 1998


«Töten erlaubt», Spekulieren auch

Aarau «Der letzte Henker» regt zu intensiven Diskussionen an.

Was treibt Menschen dazu, Henker zu werden? Dieses Thema greift das aktuelle Stück in der Tuchlaube auf Es regt zu intensiven Diskussionen an.

„Der letzte Henker“ macht neugierig, das zeigen die guten Besucherzahlen im Theater Tuchlaube seit der Premiere (vgl. AZ vom 28.9.). «Was bewegt rechtschaffene Bürger dazu, einem anderen Menschen den Kopf abzuschlagen?» Diese Frage stellt sich unweigerlich. Das Stück liefert keine Antwort, ebenso blieb sie nach der gestrigen Matinee offen. Unter dem Titel «Töten erlaubt» diskutierten Andreas Pritzker, Sohn des Psychiaters Boris Pritzker, Klaus Kuhnert, Mitglied der Koordinationsgruppe Todesstrafe von Amnesty International, und Peter-Jakob Kelting, Dramaturg des Stückes.

Lieferant der Grundlagen für das Stück war Psychiater Boris Pritzker, der vor dem 2. Weltkrieg jene 114 Henker-Kandidaten interviewte, welche dem mehrfachen Mörder Irniger den Kopf  abschlagen wollten. Andreas Pritzkers Ehefrau Marthi arbeitete die Grundlagen nach dem Tod Boris Pritzkers auf und machte sie der Öffentlichkeit zugänglich. Wiederkehrende Motive in den Biographien waren Arbeitslosigkeit, materielle Not, Religion, Berufe wie Mediziner oder Metzger oder zerrüttete Familienverhältnisse. Die Mehrzahl der Kandidaten stammten aus der Unter- oder Mittelschicht, übten einfache Berufe aus. Die Biographien liefern Indizien, aber keine Erklärungen.

«Der Henker ist ein Mensch, der tötet», stellte Klaus Kuhnert nüchtern fest. Damit unterscheide er sich eigentlich nicht mehr vom Mörder, ausser dass sein Töten mit der Erlaubnis des Staates erfolgt. Genau diese Parallele aber schienen die befragten Henker verdrängt zu haben, indem sie sich auf die Funktion reduzierten: «Der Henker sieht sich nicht als handelnden Menschen, sondern als ausübendes Objekt.» Dennoch pochten die Kandidaten auf Anonymität: «Auch wenn die Henker den Auftrag für die Gesellschaft übernehmen, riskieren sie, aus ihr rauszufallen», wies Peter-Jakob Elting auf eine Perversität im Umfeld der Todesstrafe hin.

Dass das Töten trotz der Legitimation durch den Staat die Henker in eine schwierige Lage bringt, zeige sich auch in jenen 92 Staaten, wo die Todesstrafe noch praktiziert wird, schilderte Klaus Kuhnert. Bei «humanen» Hinrichtungen in den USA würden jeweils zwei Beamte eingesetzt. Der eine betätigt den Knopf mit dem Betäubungsgift, der andere das Todesgift. welcher Knopf welche Funktion hat, sei ihnen nicht bekannt. «Beide können dank der Ungewissheit ihr Gewissen reinwaschen.»

Unbeantwortet bleibt die Frage, wieletztlich die innere Hemmschwelle überwunden wird. Laut Andreas Pritzker spiele die Verdrängung des eigenen Täterverhaltens mit, andererseits gebe es wohl in jeder Gesellschaft wenige Menschen, die zum Sadismus neigen. Peter-Jakob Kelting analysierte zudem, dass die Henker den zu tötenden Mensch zu einem Unmenschen machen, ihn quasi zurechtschnitzen, bis er vergleichbar mit einem Tier ist …(heh)

Weitere Aufführungen: «Der letzte Henker» gelangt diese Woche noch am Mittwoch, 20.15 Uhr, am Freitag, 21 Uhr, und am Samstag, 20.15 Uhr im Theater Tuchlaube zur Aufführung.

Artikel erschienen in der Aargauer Zeitung am 5. Oktober 1998

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